Gedenkseite für den Engel Thies

                                                                                                                                                  

 

 

 

Thies auf dem Arm seiner überglücklichen Mama
...unser Engel Thies ist immer bei uns,
auch wenn man ihn auf den ersten Blick nicht sieht

 

 

Thies Geschichte

 

Oft schon hat mein Mann mich gebeten, einige Zeilen für die Gedenkseite zu schreiben, doch ich konnte mich immer nicht aufraffen, da ich nicht wusste, wie ich beginnen soll. Also erzähle ich jetzt einfach, wie es mir einfällt:

 

Schon jahrelang wünschte ich mir ein Kind, doch erst mit der Unterstützung meines zweiten Mannes setzte ich diesen Wunsch in die Tat um. Gesagt – getan, so wandten wir uns an das Kinderwunschzentrum in Göttingen.

 

Nach unserer Hochzeit im Juni 2000 standen viele Test´s und Untersuchungen an, bevor im Juli endlich die Therapie beginnen konnte. Leider endete die Hormontherapie mit einem Überstimmulationssyndrom und so kam es, dass ich einige Wochen in der Uni-Klinik Göttingen verbringen musste – Wochen in denen es mir wirklich sehr schlecht ging, da dieser Zustand lebensbedrohlich ist. Niemand konnte mir zu diesem Zeitpunkt sagen, ob ich schwanger war – oder nicht, da die Werte ständig schwankten. Ende August ging es mir endlich besser und man stellte, zu meiner großen Freude, bei einer Ultraschalluntersuchung fest, dass ich schwanger war. Man sagte mir aber gleich, dass es eine schwierige Schwangerschaft werden würde, doch das wollte ich alles gerne in Kauf nehmen. Große Freude über das erste Ultraschallbild – ich war überglücklich.

 

Am selben Tag bekam ich Besuch von der Tante meines Mannes die, welch ein Zufall, uns fröhlich mitteilte, dass sie wieder schwanger sei. Welch eine Freude dachte ich, gleich zwei kleine Kinder in der Familie, die bei den nächsten Familienfesten zusammen spielen können und über Tisch und Bänke springen.

 

Endlich aus dem Krankenhaus entlassen ging es mir im September eigentlich ganz gut bis plötzlich Blutungen einsetzten. Jede Belastung hatte Blutungen zufolge, sodass ab sofort Bettruhe angesagt war, aber die Blutungen hörten trotzdem nicht auf. Beten und Bangen – wie geht es dem Kind. Oftmals sind wir aus Angst, es könne etwas mit dem Kind sein, nach Göttingen in die Uni-Klinik gefahren, doch Gott sei Dank war alles in Ordnung. Wie bereits angekündigt wurde die Schwangerschaft immer schwieriger. Nun traten neben starken Rückenschmerzen auch Gallen- und Nierensteine und eine Blasenschwäche (ich verlor ständig Urin) auf. Diese Beschwerden gab ich bei der Routineuntersuchung am 19. Februar an doch die behandelnden Ärzte schenken dem weiter keine Aufmerksamkeit.

 

Am 21. Februar fuhr ich notfallmäßig mit 40°C Fieber in die Uni-Klinik und die vermeidliche Blasenschwäche entpuppte sich als hoher Blasensprung – Sepsisgefahr.  Ehe ich mich versah lag ich auch schon zur Not-Sectio auf dem OP-Tisch, da dieser Zustand sowohl für mich als auch für mein ungeborenes Kind lebensbedrohlich war. Um 22:18 Uhr kam dann mein Sohn Thies zur Welt. Er wog 1650 g und war 43 cm groß. Er kam sofort auf die Frühgeborenenintensivstation. Um 3:00 Uhr war ich aus der Narkose erwacht und die Ärzte teilten meinem Mann und mir mit, dass es unserem Kind den Umständen entsprechend gut gehe – nun konnte mein Mann beruhigt nach Hause fahren. Wenige Stunden später, genauer gesagt um 8:00 Uhr erhielt ich dann die Nachricht, dass Thies einen Herzfehler hat. Sofort bat ich meinen Mann zurückzukommen, da es Thies nicht gut ging. Nun begann das lange warten – wann können wir endlich zu unserem Kind und wie geht es ihm? Inzwischen war ich auf Normalstation verlegt worden, doch sonst passierte nichts. Dabei wollte ich mein Kind doch nur sehen aber ich musste bis 16:00 Uhr warten – dann endlich konnten wir auf die Intensivstation zu unserem Kind. Ein Arzt kam und klärte uns nun genau über den Zustand unseres Sohnes auf. Er sagte, dass Thies einen Herzfehler habe, und dass eine Herzkatheteruntersuchung erfolgen müsse, welche Aufschluss über die weitere Therapie geben sollte. Doch für diese Untersuchung müsse Thies erst größer und schwerer sein. Also hieß es abwarten. Thies entwickelte sich gut und war unauffällig. Wir besuchten ihn täglich mehrmals und ich pumpte Muttermilch ab, um ihn damit zu ernähren. Bis zum Abend des 11. März war alles in Ordnung, sodass wir ihn wie jeden Abend beruhigt verließen.

 

Da wir eine lange Zeit der Entbehrung hinter uns hatten, beschlossen mein Mann und ich, an diesem Abend in´s Kino zu gehen. Doch ich war sehr unruhig und musste immer an Thies denken. Als wir wieder zu Hause waren kam einen Anruf aus der Uni-Klinik, dass der Zustand von Thies sich rapide verschlechtert hatte, mann wollte aber die nächste Stunde abwarten und sich dann noch einmal bei uns melden. Da sich der Zustand von Thies nach 1 Stunde aber immer noch nicht gebessert hatte, beschloss ich, sofort in die Uni-Klinik zu fahren. Da mein Mann am nächsten Tag schon früh zum Dienst musste, fuhr ich allein. Bis heute weiß ich ehrlich gesagt nicht, wie ich dahin gekommen bin. Ich hatte große Angst um mein Kind und war sehr aufgeregt. Bei Thies angekommen informierte mich der diensthabende Arzt, dass Thies reanimiert worden sei und Blutkonserven bekommen hatte – der Zustand war sehr ernst. 1 Stunde hatte der Arzt gesagt, dann müsse es ihm besser gehen! Ich saß am Bett meines Sohnes und betete zu Gott, dass der Zustand sich verbesserte, aber leider vergebens. Um 3:00 Uhr beschloss ich meinen Mann anzurufen. Weil sich Thies Zustand immer weiter verschlechterte, bat ich den Arzt, die Nottaufe sofort vorzunehmen. Um 4:00 Uhr kam mein Mann, man legte ihm Thies zu sterben in die Arme. Inzwischen waren auch meine Schwiegereltern eingetroffen, um sich von Thies zu verabschieden. Nun wurden alle Geräte abgeschaltet. Thies schlief friedlich ein, wurde dann von der Schwester fertig gemacht, während wir ein langes Gespräch mit dem diensthabenden Arzt führten. Im Anschluss konnten wir uns dann in aller Ruhe von Thies verabschieden.

 

Mein Mann war am Boden zerstört und ich hatte das Gefühl, wie ein Roboter zu funktionieren.  Der Schmerz, den wir fühlten war unsagbar groß. wir konnten es einfach nicht fassen, dass Thies uns verlassen hat und weinten bitterlich. Später dann fuhren wir, weil wir nicht alleine sein wollten zu meinen Schwiegereltern. Von hier rief ich erst einmal meine Eltern an, um Ihnen die traurige Nachricht zu überbringen. Kurze Zeit später fuhren wir nach Hause um die ganzen Formalitäten zu erledigen. Unsere Pastorin kam gleich vorbei, als sie davon erfahren hatte und brachte eine Taufkerze mit. Am Nachmittag kamen der Bestatter und unsere Pastorin zum Trauergespräch um die Beerdigung zu besprechen. Wir hatten uns für eine Beisetzung im engsten Familienkreis entschieden und ich wollte auch auf keinen Fall eine Anzeige in der Zeitung.

 

Am Abend rief ich Marina, meine Hebamme, an weil ich bezüglich der weiteren Behandlung noch etliche Fragen hatte. Marina kam am nächsten Morgen und war von nun an jeden Tag da, um uns zu unterstützen. Tags darauf wurde Thies aus Göttingen überführt. Wir hatten mit dem Bestatter abgesprochen, dass wir ihn selbst ankleiden wollten. So fuhren wir am Nachmittag mit einigen Kleidungsstücken und Geschenken, die er zur Geburt bekommen hatte, in die Leichenhalle. Dort haben wir ihn angezogen, in eine warme Decke gewickelt und ihm einige Stofftiere und Spielsachen mit in den Sarg gegeben und uns dann endgültig von ihm verabschiedet. Am nächsten Tag fand dann die Beerdigung statt. Wie wir es uns gewünscht hatten, im kleinsten Kreis – nur Urgroßeltern, Großeltern, Geschwister und wir. Nur von einem ehemals guten Freund wurde dieser Wunsch leider nicht respektiert, obwohl der Bestatter ihm darum bat, ist er nicht gegangen. Das kann ich ihm niemals vergessen und ich bin selbst heute noch wütend, wenn ich daran denke.

Obwohl alle Freunde und Bekannten über unsere Situation Bescheid wussten, waren es, traurigerweise, nur sehr wenige, die sich meldeten und uns in dieser schweren Zeit beistanden. Mir ging es Zusehens schlechter, auch wenn ich dieses nicht wahrhaben wollte. Zu allem Übel kamen dann noch dumme Sprüche von ehemaligen Kollegen und Verwandten, die meinen Gemütszustand noch verschlechterten. Ich hatte keinen Lebensmut mehr und wünschte mir manches Mal bei Thies zu sein. Ich konnte keine Nacht mehr schlafen und habe mir Selbstvorwürfe gemacht. Ständig hörte ich Stimmen, die mich aufforderten, meinem Leben ein Ende zu machen – ich wurde fast wahnsinnig.

 

Die Tante meines Mannes hatte inzwischen auch entbunden, doch dies erfuhren wir erst später, eher durch Zufall, weil sich keiner traute, es uns mitzuteilen. Für mich war es besonders schwer, oft schon hatte ich mir ausgemalt, wie beide Kinder zusammen spielten und aufwuchsen – doch mein Kind war ja tot. Weil ich diese Situation nicht ertragen konnte, beschloss ich, beiden aus dem Weg zu gehen.

 

Nach dem Mutterschutz war es mir, aufgrund meiner psychischen Verfassung, nicht möglich, meine Arbeit wieder aufzunehmen. Nun hatte ich eingesehen, dass mir hier nur noch eine Psychotherapie weiterhelfen kann. Die Psychotherapie festigte mich insoweit, dass ich einige Wochen später anfing, wieder stundenweise arbeiten zu gehen.

 

Ich hatte beschlossen, nochmals eine Hormonbehandlung zu machen, doch als alles dafür in die Wege geleitet war – welch ein Wunder – ich war schwanger – ohne Hilfe.

Da es mir soweit gut ging, pausierte ich die Psychotherapie, um meine Schwangerschaft zu genießen. Am 10. Juli wurde dann unser zweiter Sohn Thorge geboren. Thorge war kerngesund.

 

Am 01. August, auf der Geburtstagsfeier meiner Schwiegermutter traf ich das erste Mal mit der Tante meines Mannes und ihrem Kind zusammen. Ich konnte die Nähe des Kindes nicht ertragen, so verließ ich kurzerhand den Raum da ich merkte, wie es mir die Luft abschnürte und ich nicht wollte, dass jemand bemerkt, wie schlecht es mir ging. Ich hatte nur noch mein totes Kind vor Augen und war am Boden zerstört.

Ich hatte mit Müttern gesprochen, deren Kinder auch verstorben waren, die Hassgefühle gegenüber Müttern, deren Kinder lebten hatten – doch diese Gefühle konnte ich nie verstehen geschweige denn teilen. Ich bin glücklich und dankbar, für jedes gesunde Kind, nur in diesem speziellen Fall hatte ich mir für beide Kinder soviel gemeinsames erhofft, doch diese Wunschträume sind wie Seifenblasen zerplatzt und schmerzlich werde ich immer wieder an den Tod von Thies erinnert. Am liebste wäre ich gleich nach Hause gefahren, aber ich wollte meiner Schwiegermutter das Fest nicht verderben.

 

Da ich eigentlich das Gefühl hatte, dass die Tante meines Mannes mich versteht und als Mutter meine Gefühle nachvollziehen kann, haben ich mir nie Gedanken darüber gemacht, dass sie mit meiner Reaktion Probleme haben könnte. So war es für uns auch selbstverständlich, sie und ihre Familie, zur bevorstehenden Taufe von Thorge/unserer kirchlichen Trauung einzuladen. Weit gefehlt – wenig später erhielt ich von der Tante meines Mannes einen bösen und unverschämten Brief mit ungehörigen Vorwürfen. Nach dem Brief war ich so down, dass ich wieder Suizidgedanken hatte, es völlig eskalierte und ich die Psychotherapie wieder aufnehmen musste. Auf Grund dessen ist das Verhältnis zu ihr zerstört. Da sie ihr Fehlverhalten nicht eingesehen hat und auch zu keiner Entschuldigung bereit war ist mir an gemeinsamen Feiern mit einer so herzlosen, kalten und egoistischen Frau nichts mehr gelegen. Ich besuche diese nur den anderen zur Liebe.

 

Inzwischen geht es mir wieder gut, die Geschehnisse liegen Jahre zurück – aber vergessen werde ich sie nie. Wir besuchen Thies Grab täglich und auch Thorge freut sich, wenn er mit uns zum Friedhof darf. Viele sogenannte Freunde haben sich nie wieder gemeldet – sie haben uns einfach im Stich gelassen.

 

Die Ereignisse der letzten Jahre haben uns doch sehr geprägt und in vielen Dingen hat sich unsere Einstellung grundlegend geändert. Es sind plötzlich ganz andere Dinge für uns wichtig geworden: nämlich unsere kleine glückliche Familie!

 

 

 

 

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